2016 – Zum 100. Mal jährt sich „Die Hölle von Verdun“

100 Jahre erster Weltkrieg, 70 Jahre Ende zweiter Weltkrieg, 25 Jahre Wiedervereinigung. Der Gedenktourismus blüht. Warum ich auch solche Reisen wichtig finde.

Die Fakten:

Das Attentat vom 28. Juni 1914 auf den Thronfolgen Österreich-Ungarns führt zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Wurde in den Auseinandersetzungen und Kriegen zuvor noch einfache Waffentechnik zur Hilfe genommen, so kommen im Ersten Weltkrieg neue Kriegsgeräte wie Panzer, Flugzeuge, Luftschiffe und Massenvernichtungswaffen wie Giftgas zum ersten Mal zum Einsatz.

Alles Fürchterliche ist entfesselt
Tagebuch des Soldaten Erich Mühsam

Verdun - Fort de Douaumont Gang Ab Kriegsbeginn gibt es immer wieder Angriffe auf Verdun. Am 21. Februar 1916 beginnt die Schlacht von Verdun.
Mit einem „Stahlgewitter“ verschießt „der Boche“, wie der Deutsche Soldat hier genannt wird, allein in den ersten 24 Stunden schätzungsweise 936.000 Granaten und insgesamt werden es bis zum Dezember 8,25 Millionen werden, die auf die Gräben und Befestigungsanlagen der Franzosen niedergehen.
Diese Schlacht ist eine der bedeutendsten Schlachten des Ersten Weltkrieges an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich.
In 10 Monaten kommen auf dem 40 Quadratkilometer großen Schlachtfeld geschätzt 338.000 Deutsche und 364.000 Französische Soldaten um oder werden als vermisst gemeldet. Etwa 400.000 Verwundete insgesamt überleben die Schlacht um Verdun.
Diese sind schwerst traumatisiert, müssen oftmals notdürftig amputiert werden oder haben andere schwere Kriegsverletzungen.
In einem Gelände, welches zunehmend nur noch einer Mondlandschaft gleicht, kämpfen die Soldaten unter ungeheuren Verlusten oft nur um einen Geländegewinn von wenigen Metern.

Im Sommer 1916 gleicht die Gegend um Verdun einer Trichterlandschaft mit Baumstümpfen. Auf jedem Quadratmeter, sind im Schnitt zwei Granaten explodiert. Allein von der heiß umkämpften Anhöhe „Toter Mann“ sind durch den Dauerbeschuss im Stellungskrieg sechs Meter Erdreich abgetragen worden.
Für die Befehlshaber beider Nationen ist es ein Prestigeverlust, diese Schlacht abzubrechen. Ohne eine Entscheidung herbeiführen zu können kämpft man weiter, obwohl die zum Ausgleich der ungeheuren Verluste benötigten frischen Truppen bereits an andere Abschnitte der Front verlegt werden müssen.
Während die Deutschen eine Kompanie von 300 Mann Stärke erst ablösen beziehungsweise ersetzen wenn ihre Sollstärke auf unter 50 Mann sinkt, führen die Franzosen ziemlich schnell ein Rotationsprinzip ein. Eine Kompanie wird nach 15 Tagen ausgewechselt und kann sich danach erholen. So wird quasi „Die Schlacht von Verdun“ in ganz Frankreich und seinen damaligen Kolonien ein Teil nahezu jeder Familiengeschichte.

Am 18. Dezember 1916, endet die Schlacht um Verdun.
Am Ende der Schlacht um Verdun befinden sich nach einer französischen Gegenoffensive die deutschen Truppen ungefähr wieder dort, wo sie ihre Offensive am 21.Februar 1916 begannen.

„Hier ist eine halbe Million Menschen gestorben. Hier haben sie sich bewiesen, wer Recht hatte in einem Streit, dessen Ziel und Zweck schon nach Monaten keiner kannte.“
Kurt Tucholsky (1924)

Am 11. November 1918 endet für das Deutsche Reich im Wald von Compiègne bei Paris der Erste Weltkrieg mit rund 17 Millionen Toten. Keiner der für die Niederlage verantwortlichen militärischen Befehlshaber, sondern der Politiker Matthias Erzberger unterzeichnet im Wald von Compiègne den Waffenstillstandsvertrag. Später wird dies von den Nationalsozialisten zur sogenannten „Dolchstoßlegende“ uminterpretiert werden.

Der Gedenktourismus Verdun:

Vielleicht habt ihr euch gefragt „Was will er denn mit so was in seinem Reiseblog?“. Ehrlich gesagt habe ich mich das zuerst auch gefragt. Darf man ein so sensibles Thema in einem Reiseblog behandeln, oder erwarten die Leser nicht eher Friede, Freude, Sonnenschein?
Ich meine es geht beides. Gerade für meinen Reiseblog mit einem Fokus auf Baden-Württemberg und seine angrenzenden Regionen kommt man um den Irrsinn des ersten Weltkrieges nicht herum. Zu nah sind da das Elsaß mit dem Hartmannsweilerkopf oder eben Lothringen mit Verdun.
Verdun - Maas (frz.: Meuse) Verdun liegt im Nordosten Frankreichs an der Maas (frz.: Meuse). Mit dem Auto braucht man von Stuttgart rund vier Stunden.  „Einfach mal so“ sollte man auf keinen Fall Verdun als Reiseziel wählen. Zu groß ist der Schauplatz und zu groß sind die Angebote die man besichtigen kann. Es erschlägt einen sonst.

Ein Besuch sollte man am besten in der Stadt Verdun selbst, in der unterirdischen Zitadelle beginnen. Zwischen 1886 und 1893 wurden unter der Zitadelle von Verdun unterirdische Galerien gegraben. Sie waren so angelegt, dass sie 2000 Mann aufnehmen konnten.
Heute fährt man durch diese Gräben in Loren und bekommt entlang des Parcours einen Einblick über den Alltag der Soldaten während der Schlacht von Verdun gezeigt. Es mutet zwar erst etwas komisch an in eine Art „Geisterbahn“ zu steigen, aber der vermittelte Inhalt ist ganz gut um die Geschehnisse in und um Verdun einordnen zu können.
Verdun - Die unterirdische Zitadelle

Des Weiteren empfiehlt sich in der Oberstadt von Verdun ein Besuch des Dom und vor allem des Weltfriedenszentrum (Centre Mondial de la Paix), Das Weltfriedenszentrum befindet sich in dem prächtigen Palast des ehemaligen Bischofs von Verdun im Stil des 18. Jahrhunderts und beschäftigt sich in wechselnden Ausstellungen mit Krieg und Frieden.
Verdun - Dom

Am besten ist man mit dem Auto zu den Orten des Geschehens unterwegs. Es gibt zwar vom „Office de Tourisme“ eine kommentierte Rundfahrt, aber erst mit dem eigenen Auto bekommt man ein Gefühl von den Dimensionen des Schlachtfeldes.
Wenn man um Verdun mit dem Auto unterwegs ist fallen einem immer ein paar Dinge auf. Zum einen die zerklüftete Landschaft, entstanden durch Bomben, Granaten und unzählige Gräben. Des Weiteren überall mal kleinere, mal größere Soldatenfriedhöfe und einen Wald, der mittlerweile die Landschaft erobert hat, aber dessen Tannen und Fichten nicht wirklich sehr dick oder hoch sind. Das liegt an der Teils dünnen Grasnarbe, da der gute Boden weggebombt wurde, sowie an der teils noch heute hohen Giftgas Konzentration in einigen Gegenden. Viele der Bäume (Tannen und Fichten) wurden 1925 von den Deutschen als Reparationsleistungen um Verdun angepflanzt. Und es fallen einem überall viele Warnschilder auf. Eines ist dabei ganz wichtig und ist an die Besucher direkt gerichtet. Ein Schild, dass über Symbole klar macht, dass an selbigen Ort nicht gemütlich Picknick gemacht werden darf, dass man hier nicht zelten darf, dass man hier keine Party machen darf und auch nicht im freien Spielen darf. Klingt auf den ersten Blick sehr idiotisch, aber wenn man sich auf den zweiten Blick klar macht das man noch auf dem gesamten Schlachtfeld zig Tausende Tote vermutet und auch regelmäßig Tote findet, man also quasi auf einem Gräberfeld steht, ist dies durchaus angemessen.
Schild Schlachtfeld Verdun

„Drei Tage lang lagen wir in den Granatlöchern, dem Tod ins Auge sehend, ihn jeden Augenblick erwartend. Dazu kein Tropfen Wasser und der entsetzliche Leichengestank. Die eine Granate begräbt die Toten, die andere reißt sie wieder heraus. Will man sich eingraben, kommt man gleich auf Tote. Ich hatte eine Gruppe, doch gebetet hat jeder für sich. Das Schlimmste ist das Ablösen, das Rein und Raus. Durch das ständige Sperrfeuer. Hinzu gings durchs Fort Douaumont, so was habe ich noch nie gesehen. Hier liegt alles voll schwer Verwundeter und riecht nach Toten….. Dazu liegt es ebenfalls ständig unter Feuer. Wir hatten ungefähr 40 Tote und Verwundete…Das war noch wenig für eine Kompanie, wie man hörte. Alle sahen bleich und verzehrt aus.
Ich will Euch nicht noch mehr Elend erzählen. Es mag genug sein. Seid herzlichst gegrüßt und geküsst und Gott befohlen von Eurem dankbaren Sohn und Bruder Karl.“
Der Gefreite Karl Fritz aus den Schützengräben vor Verdun an seine Eltern und Schwestern im August 1916.

Sehenswert und beeindruckend ist das „Ossuarium von Douaumont“, das Beinhaus. Hier liegen die Überreste von geschätzt 150.000 französischen und deutschen Soldaten die man auf dem Schlachtfeld gefunden hat, aber nicht mehr identifizieren konnte. Um Verdun gibt es eine Vielzahl Forts. Museal interessant sind das Fort de Douaumont und das Fort de Vaux. Es sind beides beeindruckende Bauwerke, wo man sich nicht vorstellen möchte wie damals die Soldaten darin gehaust haben mussten und wie es wohl gestunken haben muss.
Verdun - Fort de Douaumont Schlafsaal Auf dem Schlachtfeld gab es 9 kleine Dörfer die in der „Knochenmühle“ Verdun immer wieder umkämpft und dem Erdboden gleich gemacht wurden. Man entschloss sich diese nach dem Krieg nicht wieder aufzubauen da sie unter anderem von Munition und Leichen verseucht waren.

Da unten ist nur jener finstere braune Gürtel, ein Streifen gemordeter Natur. Wälder und Strassen sind verschwunden, von den Dörfern ist nichts geblieben als graue Flecken. Während schweren Artilleriefeuers und bei Angriffen habe ich Granaten wie Regen fallen sehen
Mc Connell (amerikanische Pilot)

Ich schaute mir als Beispiel das ehemalige Dorf Fleury-devant-Douaumont an. Heute ein Stück bewaldeter und stark hügeliger Erde. Nur schwer vorstellbar das dies mal ein lebendiges Dorf gewesen ist. Nur hier und da zeugen noch ein paar Steine von einer Bebauung Ein Denkmal und eine Kapelle erinnern an dieses Dorf. Einmal im Jahr wird dort noch ein Gottesdienst gehalten. Jedes dieser 9 ehemaligen Dörfer hat aber noch einen offiziellen Bürgermeister. Sie dürfen aber nicht an den Wahlen des Präsidenten teil nehmen.
Verdun - Zerrstörtes Dorf Fleury

Es fällt einem schwer einen Abend in Verdun dann relativ gut gelaunt ausklingen zu lassen. Trotz den vielen Eindrücken sollte man sich aber die Zeit nehmen und am Meuse Ufer in einem der Cafés oder Restaurants den Abend ausklingen und sich vom leckeren Französischen Wein und Essen auf andere Gedanken bringen lassen.
Verdun - Stadthafen

Fazit:

Ein Besuch von Verdun ist sicherlich nicht mit Glücksgefühlen verbunden. Ich finde es aber wichtig Geschichte auch hautnah zu erleben um sich seine eigenen Gedanken darüber und auch seine eigenen Schlüsse daraus ziehen zu können. Spätestens nach solch einem Besuch sollte man wissen: Krieg ist niemals eine Lösung!

Verdun Do´s:

  • ein Besuch in der Dragee Fabrik Braquier.
    Mal zur Abwechslung etwas süßes leckeres in Verdun sehen und schmecken.
  • Schiffrundfahrt Verdun mit der „Mosa“
    Tickets gibt es im Freizeithafen oder auch am „Quai de la République“.
  • Europäisches Biermuseum in Stenay
    In einem ehemaligen Vorratsmagazin der Zitadelle von Stenay kann man viel rund um das Bierbrauen erfahren.
  • Hausboot Urlaub auf der Meuse (Maas).
    Maas-Kanal und Vogesen-Kanal (bis 2003 Canal de l’Est)

Verdun Don´ts:

  • In den Wäldern um Verdun nicht die gekennzeichneten Wege verlassen! Noch heute sind längst nicht alle Teile um Verdun von Munition, etc. bereinigt.
  • Alte Munition, Knochen etc. liegen lassen und der örtlichen Polizei oder Museum melden.

Am Rande:

Die Geste des „Brüderlichen“ Handschlages 1984 vom französischen Staatspräsident François Mitterrand und des deutsche Bundeskanzlers Helmut Kohl in Douaumont ist noch heute als Bild immer wieder Präsent. Die Worte jedoch leider nicht mehr. Diese sind aber heute wieder aktueller denn je:
„Frankreich und Deutschland haben die Lehren aus der Geschichte gezogen. Europa ist unser gemeinsames Vaterland. Wir sind Erben einer großen europäischen Tradition. Deshalb haben wir vor 40 Jahren den Bruderkampf beendet und begonnen, gemeinsam an unserer Zukunft zu bauen. Wir haben uns versöhnt, wir haben uns verständigt, wir sind Freunde geworden. Die Einigung Europas ist unser gemeinsames Ziel – dafür arbeiten wir – im Geist der Brüderlichkeit.“
Verdun -Beinhaus von Douaumont - Friedhof

Herzlichen Dank an Atout France (Französische Zentrale für Tourismus)
die mich auf diese spannende Reise eingeladen hatte.

4 Kommentare:

  1. Toller Beitrag! Werde mit meinem Partner über Ostern Verdun besuchen und mir sicher einiges aus diesem Blog zu herzen nehmen.

  2. Man kann sich heute – nach drei Generationen, die vom Krieg verschont wurden – gar nicht mehr vorstellen, wie grauenvoll das ist/ war. Wir Europäer sind aktuell sehr verwöhnt, was die Grauen des Krieges anbelangt. Hoffentlich bleibt das auch für immer so und breitet sich auch auf anderen Kontinenten aus.
    Ein sehr schöner Bericht, der mich zum einen traurig gestimmt hat, mich aber auch daran erinnert hat, dass es auch einen Ersten und nicht nur den Zweiten Weltkrieg gegeben hat.
    Die Region um Verdun würde ich gerne mal besuchen.

    • Hallo Maria.
      Danke für das Lob.
      Verdun ist wirklich äußerst interessant. Kann es wirklich nur empfehlen einmal zu besuchen.

      André

  3. Pingback:Am 21. Februar 1915 begann die Schlacht um Verdun - Das Frankreich-Blog - France blog

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