Auf den Spuren der Thüringer Tischkultur

Erfurt und Weimar kennen viele, Jena hat man schon mal gehört; Aber was kommt wenn man der Saale weiter folgt?
Kurz hinter Jena beginnt der Saale-Holzland-Kreis. Die Region ist sehr landschaftlich geprägt und dient als Naherholungsgebiet Ostthüringens. In der Tat lässt es sich dank der recht flachen Landschaft hier wunderbar wandern oder auch Radtouren unternehmen. Wer das Wasser liebt kann auch tolle Kanutouren auf der Saale erleben.
20170721_174730 Hier draußen auf dem Land mußte früher hart gearbeitet werden. Entsprechend deftig ist die Küche. Leckere und sehr bodenständige Gerichte laden zum Einkehren ein. Wie wärs zum Beispiel mit „Thüringer Aschebrätel“? Das ist ein Schweinenackensteak am Knochen im Biersud gegart. Dazu gibts geschmorte Zwiebeln und Bratkartoffeln.
Unterwegs kann man aber auch auf viele Direktvermarkter treffen. Frisches Holzofenbrot, Wurst oder Forellen sind da nur eine kleine Auswahl die es direkt vom Hofladen gibt.
Nah an der Saale ist natürlich auch der Weinanbau nicht fern. So laden überall entlang der Saale kleine und große Weingüter wie das Weingut Zahn in ihre Gasthäuser ein.
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Ende des 19. Jahrhunderts kam die Porzellanindustrie in diese Gegend und entwickelte sich als eine der weltweit führenden Porzellanstandorten. Während der DDR-Zeit wurde vor allem auf Masse statt Klasse gesetzt. Das klassische „Zwiebelmuster“ feierte während dieser Epoche seine Blütezeit und stand eigentlich in jedem Esszimmer. So gut wie jede Porzellanfabrik führte in dieser Zeit das Zwiebelmuster. Heute gehört es einfach zu den Porzellangeschirr Klassikern.
dsc02457 Einige der Porzellanfabriken haben die DDR, als auch die Treuhand überlebt und produzieren heute die unterschiedlichsten Dinge. Vom Industriegeschirr, über Porzellanfiguren bis hin zur Tafelgeschirr-Manufaktur gibt es heute quasi alles, was man aus Porzellan herstellen kann.
Um als Urlauber ein wenig den Durchblick zu behalten hat die Region die „Thüringer Tischkultur“ ins Leben gerufen. Hier sind lokale Produzenten aus den hier ansässigen traditionellen Handwerksbereichen Porzellan, Keramik, Holz und Glas vertreten. Dazu kommen noch regionale Erzeuger und Gastgeber die auf Regionalität Wert legen. Die Thüringer Tischkultur bietet sozusagen einen roten Faden durch einen erholsamen Urlaub in der Natur.
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Einige Betriebe bieten auch Führungen an, bzw. lassen sich einfach mal über die Schulter schauen. Auf meiner Entdeckungsreise durch Thüringen habe ich mir daher mal beispielhaft zwei ganz unterschiedliche Porzellanhersteller angeschaut. Zum einen die Porzellanmanufaktur Reichenbach und zum anderen die Porzellanfabrik Kahla. Zwei gänzlich unterschiedliche Wege, aber ein und dasselbe Produkt. Sehr spannend.

Die Porzellanmanufaktur Reichenbach

Reichenbach ist ein kleines Örtchen in der Nähe des durch Stau bekannten Hermsdorfer Autobahnkreuzes. Das Ort lebte und lebt bis heute vom Porzellan. Seit 1830 wurden hier Porzellanscherben bemalt. Um 1900 gab es 16 Porzellanmalereien. 6 davon taten sich 1900 zusammen und gründeten die Reichenbacher Porzellanfabrik. Bis heute gibt es noch einzelne, selbstständige Porzellanmaler in Reichenbach.
Während der DDR war die Fabrik ein Porzellankombinat und hauptsächlich für die Form „Barock“ und aufwendige Dekorationen zuständig. Damals gingen 90 Prozent ins (kapitalistische) Ausland.
Mit der Wiedervereinigung kamen auch für diese Firma wilde Zeiten. Doch aus einer Insolvenz heraus gründete sich 2002 die Reichenbacher Porzellanmanufaktur. 2007 übernahm die damalige Prokuristin
Annett Geithe mit ihrem Mann als Gesellschafter und Geschäftsführer die Manufaktur.

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Seither wird hier unter dem Motto „Alte Handwerkskunst trifft modernes Design“ produziert. Dabei wird hier stark auf Nachhaltigkeit geachtet. Man legt viel Wert auf seine Facharbeiter und versteht sich als Familie. Hier kennt jeder jeden und das teilweise schon über Generationen.
Hergestellt werden in der Porzellanmanufaktur hochwertige Artikel für den Privathaushalt, so wie für den Hotel und Gastronomiebedarf. Auch diverses Zierporzellan wird aufwendig von Hand gearbeitet.
dsc02402 Als ich so durch die Produktion geführt wurde konnte ich hautnah den Begriff der „Manufaktur“ verstehen. Hier wird auf Klasse und nicht aus Masse geschaut. Nahezu alles was hier verkauft wird besteht aus Handarbeit. Beispielsweise Teller werden hier noch klassisch gedreht und nicht wie in der Industrie üblich gepresst. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Faktisch jedes Teil ist ein kleines Unikat. Zudem sind gedrehte Teller rund 30 Prozent bruchfester als gepresste Ware.
dsc02390 Das klassische Handwerkskunst durchaus auch für den heutigen Alltag tauglich ist beweist Reichenbach immer wieder aufs Neue. Mit der Designerin Paola Navone zum Beispiel wurde das Service „NEW BAROQUE – SILVER SHINY“ kreiert. Ich kenne mich absolut nicht mit Porzellan aus, aber gerade dieses Service ist der Hammer. Ein Teil des Tellers besteht aus dem unglasierten Scherben und fühlt sich samtig rau an. Der andere Teil des Tellers wird von Hand mit einer Platinfarbe überzogen. Zusammen gibt das optisch eine tolle Einheit und ist dabei noch absolut alltagstauglich.
dsc02440 Auch andere Dekors, wie zum Beispiel jene mit von Hand aufgetragenem 24-karätigem Goldrand überstehen Heute problemlos einige Runden in der Spülmaschine.
Das hier in jedem Arbeitsschritt und in jedem Teil viel Liebe steckt kann man am Erfolg sehen.
Übrigens hat eine handwerkliche Produktion noch einen netten Nebeneffekt. Exklusive Formen-Sonderwünsche lassen sich hier schon in kleinen Stückzahlen zu bezahlbaren Preisen umsetzen.

Führungen gibt es für kleine Gruppen mit Voranmeldung.

www.porzellanmanufaktur.net, Fabrikstraße 29, 07629 Reichenbach

Die Porzellanfabrik KAHLA/Thüringen Porzellan GmbH

Eine viertel Stunde von Jena entfernt liegt Kahla. Hier wird seit 1844 Porzellan hergestellt.Sie entwickelte sich zur größten Porzellanfabrik Thüringens und war 1914 eine der größten Porzellanhersteller in Deutschland. Zu Zeiten der DDR produzierte man unter anderem als VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla und produzierte unter anderem das weltbekannte blaue Zwiebelmuster. Nach der Wende wurde auch diese Produktion durch die Treuhand privatisiert und landete nach knapp zwei Jahren auch gleich in der Insolvenz. Erst mit einem neuen Konzept und neuen Maschinen kam Kahla 1994 wieder allmählich auf die Beine. Seit 2000 ist Kahla wieder ein reines Familienunternehmen und weltweit bekannt.
Anders als bei der Porzellanmanufaktur Reichenbach wird bei Kahla auf (Voll)automation gesetzt. Hier werden moderne Serien für die Hotellerie und Gastronomie hergestellt. Hohe Stückzahlen und möglichst wenig Handarbeit sind hier das Erfolgsrezept.
Kahla ist sicher schon jedem von euch in die Hände gekommen. Sei es in Kantinen, Hotel, Restaurant oder auch zuhause. Kahla hat sich mit seinen Produktserien breit aufgestellt.

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Um sich gegen ausländische Massenware zu unterscheiden wird bei Kahla auf kontinuierliche Innovation und Design gesetzt. Gepaart mit der Automatisierung kann Kahla daher moderne und preiswerte Produkte anbieten.
Immer wieder sind namhafte Designer für neue Serien verantwortlich. Daneben kam Kahla in den vergangenen Jahren immer wieder mit tollen Innovationen auf den Markt und sorgte damit für Gesprächsstoff nicht nur beim Kunden. Einige dieser Neuerungen hat der ein oder andere vielleicht schon selbst in der Hand gehalten.
Die Serie „touch!“ beispielsweise sind Tassen mit einem samtweichen Beschichtung auf der Außenseite was für ein ungewöhnliches Haltegefühl führt. Auch werden mit dieser Art mittlerweile viele Werbetassen (z.B. mit Städtelogo) hergestellt.
Ganz aktuell ist „Magic Grip“. Hier wird dem Porzellanboden kleine Gummilippen verpasst um beispielsweise mit diesem Geschirr rutschfest servieren zu können.
Regelmäßig werden die Neuentwicklungen u.a. mit dem „reddot design award“ ausgezeichnet.
Auch in Punkto Nachhaltigkeit tut Kahla einiges. Für den Verbraucher gibt es die Serie „cupit“.Mit einem Porzellan ToGo-Becher mit Silikondeckel und „Magic Grip“ Rillen zum festhalten. Damit möchte Kahla eine Alternative für die jährlich fast 3 Milliarden Kaffeebecher in Deutschland bieten. Ich selbst habe mittlerweile zwei davon und bin begeistert.
Übrigens Nachhaltigkeit. Mit „KAHLA pro Öko“ möchte Kahla den Kunden klar zeigen das die Produkte aus natürlichen, schadstoffgeprüften, Rohstoffen fair und sozial in Deutschland gefertigt werden.

http://www.kahlaporzellan.com, Christian-Eckardt-Straße 38, 07768 Kahla

Eintauchen in die Welt des „Weißen Goldes“ auf der Leuchtenburg

Wer jetzt nicht unbedingt gleich in einer der Porzellanfabriken möchte, aber trotzdem im Urlaub etwas über die Geschichte des Porzellans erfahren möchte, kann das auf der Leuchtenburg machen.

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Die mittelalterliche Leuchtenburg in Seitenroda blickt auf eine vielfältige Geschichte zurück. Zwar haben Burgen meist unrühmliche Geschichten zu erzählen doch hier ging diese unrühmliche Zeit durchgehend bis zum Ende der DDR. Die Staatssicherheit hatte die Leuchtenburg vom einstigen Zuchthaus zum Internierungslager umgenutzt. Später wurde es Hotel und dann Jugendherberge.

2014 wurde mit einer Generalsanierung und einem neuen Konzept die Dauerausstellung „Porzellanwelten“ eröffnet. In der Ausstellung geht es um die Geschichte des Porzellans. Die Besucher werden dabei durch inszenierte Welten geführt. Dabei geht es auch um die drei Thüringer Macheleid, Greiner und Hammann, die das (Europäische) Porzellan 1760 erfanden.
Für Kinder ist diese Ausstellung absolut kurzweilig und modern gestaltet. So kann zum Beispiel in einem nachgebauten Alchemielabor mit Hilfe einer Waage die richtige Porzellanzusammensetzung herausgefunden werden.

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Oder man kann die größte Vase der Welt bestaunen. Sie wurde aus 360 Reichenbach Porzellan-Waben hergestellt und handbemalt.
Sicherlich nicht nur für Kinder dürfte der Höhepunkt der Ausstellung, der „Steg der Wünsche“ darstellen. Hier darf jeder Besucher auf einen Porzellanteller in einer Dunkelkammer mit einem UV-Stift einen persönlichen Wunsch aufbringen. Bei Tageslicht sieht niemand mehr diesen Wunsch und bleibt daher geheim. Um den Wusch zu erfüllen schreitet man dann über den 15 Meter langen Skywalk, der über die Burgmauer hinaus ragt. Am Kopfende des Stegs wirft man dann seinen „Wunschteller“ in den Burggraben und lässt ihn zerschellen.

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Danach lässt sich gut in der Burgschenke speisen oder ein wenig über die Geschichte der Burg erfahren. Vom Burgturm hat man eine wunderbare Weitsicht über die Region.
Auf den Grundmauern der alten Kapelle wurde im Rahmen der Sanierung etwas einmaliges geschaffen. Die Porzellan-Kirche. Die Kirche wurde vom Designer Michael J. Brown entworfen. Die Porzellan-Kirche ist mit einem Lamellen-Vorhang aus matt-weißem technischem Porzellan ausgestattet, der von der Decke bis zum Boden reicht und für einen ganz besonderen Raumeffekt sorgt. Brown war ein Schüler vom amerikanischen Star Architekten Daniel Libeskind. Ein beeindruckender Raum nicht nur zum Beten oder einfach innehalten.

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Übrigens:
Mit dem Elektroauto darf man bis auf die Burg fahren. Dort gibt es eine Stromtankstelle.
Für die Generalsanierung gab es den „Thüringer EnergieEffizienzpreis 2014“.
http://www.leuchtenburg.de, Dorfstraße 100, 07768 Seitenroda

Tipps:
– KAHLA Werksverkauf, Christian-Eckardt-Straße 38, 07768 Kahla oder
City Outlet Geislingen, Fabrikstraße 40, 73312 Geislingen an der Steige oder
Kahla Porzellan – Point of Brand Berlin, Friedrichstraße 122, 10117 Berlin
– DeBeukelaer Werksverkauf (1. und 2. Wahl), Im Camisch 1, 07768 Kahla
– KanuTours Camburg, Schießplatz 12, 07774 Dornburg – Camburg
– Weingut Zahn, Weinbergstr. 16, 99518 Großheringen
(Weinwanderungen u.v.m.)
– Hotel „Zur Noll“, Oberlauengasse 19, 07743 Jena

Zu dieser Reise wurde ich eingeladen vom
Thüringer Tourismusverband Jena-Saale-Holzland e.V.

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