Die Stuttgarter Stäffele – Schdäffele nuff, Schdäffele nonder!

Was dem Hamburger seine Brücken, dem Venezianer seine Kanäle, sind dem Stuttgarter seine Staffeln.
Mit der Besiedlung des Stuttgarter Talkessels begann immer mehr die Bewirtschaftung der reichlichen Hangflächen entlang des Talkessels. Unter anderem ab dem 13. Jahrhundert auch mit Wein (1229 die Mönchhalde und 1259 der Kriegsberg). Um diese Flächen gut erreichen zu können entstanden die berühmten Stuttgarter Staffeln. Ursprünglich kleine Treppchen zwischen den Weinbergen hinauf.

imgp3022
Mit der zunehmenden Besiedlung Stuttgarts wuchs auch die Stadt immer mehr an den Talkessel-Rand heran und verschlang zunehmend auch Weinberge zu Gunsten von Wohn- und Fuhrwerksflächen (alte Weinsteige, etc.). So wurden mit der Zeit kleine Weinberg-Staffeln teilweise zu großen Treppenanlagen zur schnellen Verbindung zwischen Tal und Hang. Viele Staffeln haben schon mehrere hundert Jahre auf dem Rücken; viele sind im zweiten Weltkrieg zerstört worden, einige davon wieder restauriert, einige modern wieder aufgebaut worden. Manche Staffeln verschwinden mit der Zeit, andere neue kommen hinzu.
Die Staffeln variieren in ihrer Ausprägung von Klassizismus und Jugendstil bis hin zur zweckmäßiger Moderne. Oftmals lässt sich nur noch erahnen, welchen Stolz sie einst inne hatten. Die Eleganz der Staffeln ist im Laufe der Zeit durch bauliche Veränderungen und den zunehmenden Individualverkehr teils verloren gegangen.

imgp3232
Früher wurden die Stuttgarter spöttisch auch gerne Schdäffelesrutscher genannt. Über den Ursprung des Ausdruckes gibt es verschiedene Herleitungen die aber alle ein fünkchen Wahrheit besitzen. Schdäffelesrutscher nannte man Kinder, die gerne die Geländer der Staffeln runter rutschten. Was natürlich im pietistischen Stuttgart nicht gern gesehen wurde und oft böse Zurufe Erwachsener mit sich zog. Zum anderen war und ist es in der kalten Jahreszeit immer eine größere Herausforderung ein Schdäffele ohne auf den glatten, von Eis und Schnee überzogenen, Stufen auszurutschen hinab zu gehen. Heute ist der Ausdruck Schdäffelesrutscher eher eine Liebkosung für echte Stuttgarter.

Heute spricht der Stuttgarter weniger von Staffeln, oder gar Treppchen, sondern nennt sie liebevoll Schdäffele. Dabei ist es heute bei der Bezeichnung egal, ob es sich dabei nur um eine kurze oder sehr lange Staffel handelt.

Wenn Stuagert koine Stäffele hätt,
no wärs koi Stuagert meh,
no wäret seine Mädla net
so schlank ond net so schee!
Dia steile Stuagerter Stäffele,
die haltet se en Schwong!
Dia, wenn de nuff- ond ronderrutscht,
do bleibscht jo röösch ond jong!
Willi Reichert

imgp6416
Wie viele Schdäffele es in Stuttgart gibt kann niemand genau sagen. Manche sprechen von 400-500 Schdäffele. 400 Schdäffele, und da sind sich alle einig, sind es auf jeden Fall. Zählt man dann noch die unzähligen Treppchen zu Häusern die durch privaten Vorgärten gehen, die vielen noch erhaltenen Treppchen in den Weinbergen hinzu, kommt man tatsächlich schnell über die 400er Grenze hinaus.
Allerdings haben nur etwas mehr als 40 Schdäffele eigene Namen. Die meißten sind Namenlos weil sie beispielsweise in der Verlängerung einer Straße stehen. Andere werden in den Karten als Wege oder gar Straßen geführt.

Egal wie lang, egal wie breit, egal wie alt oder jung die Schdäffele auch sind – eines eint alle Stuttgarter Schdäffele: Am oberen Ende angelangt hat man immer einen wunderbaren Panoramablick über Stuttgart!
imgp3110
Die schönsten Schdäffele stammen natürlich aus der Zeit des Klassizismus und Jugendstil. Zu dieser Zeit baute man kleine Schdäffele zu prächtigen Staffeln aus. Oftmals mit kleineren und größeren Brunnenanlagen.

Die wohl imposanteste Staffel ist die Eugenstaffel.
Sie beginnt unten im Kessel an der Staatsgalerie und endet imposant am Eugensplatz mit dem Galatea Brunnen. Königin Olga ließ ihn Ende des 18. Jahrhundert erbauen. Bei der Eröffnung am 27. April 1890 gab es große Entrüstung unter den pietistischen Stuttgartern wegen der nackten Galatea. Der Streit wurde erst beigelegt als Königin Olga damit droht die Statue zu drehen, damit der nackte Rücken und Hintern der Galatea zur Stadt zeigen würde.
imgp3222

Die Sagenumwobenste Staffel ist die Sünderstaffel.
Um sie reihen sich die verschiedensten Geschichten und jede behauptet von sich die Wahre zu sein.
Die einfachste Geschichte beschreibt, daß der Namen durch einen Besitzer eines Stückles in der Gegend den Familiennamen Sünder trug und so der Name zustande kam. Dies bezeugen urkundliche Erwähnungen aus 1466 in der von einem Flecken „im Sünder“ die Rede ist.
Eine weitere Erzählung dreht sich um den „Sünder-Stein“ aus dem Jahre 1552, der am oberen Ende der Sünderstaffel steht. Auf ihm steht eingemeiselt: „Gott sey mir Sünder gnedig“. Woraus eine Sage gesponnen wurde das dort zu frühen Zeiten Sünder gehängt worden sein sollen. Dafür gibt es allerdings keine Belege. Die Wahrheit liegt auch hier irgendwo in der Mitte.
imgp3048

Stuttgart, das ist eine Provinzstadt, die ab und zu mal mehr ist.
Das hängt wohl immer von den Leuten ab, die gerade da sind.
Allerdings besteht die Neigung, daß Leute, die da sind,
niedergebügelt werden.
Was gibt´s noch?
Stäffele.
Peter Härtling

imgp3130
Schdäffele-Fakten:

– Stuttgart hat weit mehr als 400 Schdäffele.
– Stuttgarts Schdäffele haben eine Gesamtlänge von mehr als 20 Kilometer.
– Stuttgart ist die einzige Großstadt Deutschlands, die innerhalb der Stadt einen Höhenunterschied von rund 350 Metern aufweist.
– Stuttgarts längste Staffel ist die Taubenstaffel in Heslach mit 256 Metern.
– max. 1000 Euro pro Staffel (2009) steht dem Tiefbauamt jährlich für Erhalt und Pflege zur Verfügung, Tendenz fallend.
– alle 3 Monate wird jedes Schdäffele durch das Tiefbauamt begangen.
– Schdäffele(sabschnitte) gehören zur Kehrwoche des jeweiligen Hauses neben ihr.

Übrigens: Nein, Treppen in einem Gebäude sind keine Staffeln oder Schdäffele, sondern Stiaga.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.