Ein Besuch im ehemaligen Regierungsbunker im Ahrtal bei Bonn

++ Angreifer haben Grenze Richtung Westen überschritten ++ Bewegung schnell Richtung Rhein ++ Angreifer ohne Atomwaffeneinsatz nicht mehr aufzuhalten ++

So, oder so ähnlich lauteten alle zwei Jahre die fiktiven Einsatzszenarien der NATO WINTEX Übung. Drei Wochen lang mussten rund 2000 Staatsbedienstete unter dem Codename „Rosengarten“ im geheimen Regierungsbunker irgendwo bei Bonn den Ernstfall proben.

Dokumentationsstätte Regierungsbunker NATO Manöver

Doch erstmal zurück zum Anfang.

Die junge Bundesrepublik steckt mitten im kalten Krieg. Wettrüsten ist zwischen den Großmächten angesagt. Die Atombombe ist zu dieser Zeit das Spielzeug Nummer eins der Regierungen. Jedes Land weiß um die tödliche Gefahr der Atombombe und dennoch wird munter drauf los gerüstet.

Zu dieser Zeit sucht die Bundesregierung einen passenden Standort um im Ernstfall geschützt das Land weiter regieren zu können.
Die Suche dauerte gar nicht all zu lang. Nur 25 Kilometer von Bonn entfernt liegt das wunderschöne Ahrtal. Massive Berge und kleine Täler boten also die besten Voraussetzungen hier nach einem Standort zu suchen.
Durch das Ahrtal führt eine nie fertig gestellte Bahnstrecke. Diese wurde Anfang des 1. Weltkrieges geplant und angefangen zu bauen Sie sollte von Elsass Lothringen ins Ruhrgebiet führen um das kostbare Erz für die Kriegsproduktion zu beschaffen So entstanden bei Ahrweiler zwei nah aufeinander folgende Tunnel die nie fertig gestellt wurden.
Bekannt waren diese Tunnel der Regierung nur zu gut. Zum Ende des zweiten Weltkriegs wurden die Tunnels im Rohbau (die spätere Hauptröhre) für die Fertigung der V2 genutzt. Für diese Fertigung schuffteten sich hier Holländische Zwangsarbeiter des KZ Rebstock in dem Tunnel zu Tode.

Von 1960 bis 1972 wurden die zwei Eisenbahntunnels dann zu einem Atombunker mit einem insgesamt 19 Kilometer langem Tunnelsystem um- und ausgebaut.

Auf dieser hochgeheimen Baustelle arbeiteten über die 12 Jahre insgesamt 20.000 Arbeiter. Alle diese Bauarbeiter wurden verbeamtet um die Geheimhaltung zu gewährleisten. So zumindest der Plan. Noch heute können einheimische Bauern und Einwohner von langen Abenden bei Wein in den Kneipen rund um Ahrweiler berichten. Da der Wein bekanntlich die Zunge löst war also diese geheimste aller Geheimen Bauwerke schon zu Bauzeiten nicht wirklich geheim. Die Ahrweiler wussten sehr wohl was da oben in den Weinbergen vor sich ging.
Bei den Einheimischen nannte man den Regierungsbunker nur das
„Gasthaus zum letzten Stündchen“

Unscheinbarer Eingang zur Dokumentationsstätte Regierungsbunker

Der Höhepunkt der Geheimhaltung während des Baues kam dann im Dezember 1962. Mehrere Zeitungen, darunter das Hamburger Abendblatt, berichteten davon wie „ein gewaltiger atombombensicherer Stollen in einen Weinberg getrieben wird“.
Kurzzeitig überlegten die Ordnungshüter die Zeitung zu beschlagnahmen, mussten jedoch schnell feststellen, dass die Ausgabe längst in ganz Deutschland ausgeliefert war. Kurz darauf nahm auch die Illustrierte Quick das Thema auf und berichtet bundesweit doppelseitig über den Bau und titelte „Hier baut Bonn seinen Befehlsbunker“.
Der BGH erließ sofort bei Bekannt werden des Titels die Entfernung der Doppelseite in allen Ausgaben. Grund: „Die öffentliche Bekanntmachung dieses Bildbeitrags gefährdet das Wohl der Bundesrepublik.“
So schwärmten in der gesamten Bundesrepublik Polizisten aus und mussten an Kiosken etc. in jeder einzelnen Ausgabe die Doppelseite händisch entfernen. Der Vaux pas nach erfolgreicher bundesweiten Doppelseiten Entfernung? Im Inhaltsverzeichnis gab es eine verkürzte Inhaltsangabe des Artikels mit dem Bild der Stollen. Das konnten Millionen Menschen lesen.

Ob ich morgen leben werde, weiß ich sicher nicht;
dass ich, wenn ich morgen leben werde, trinken werde, ist gewiss!
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Die Regierung baute trotz all dieser Geheimhaltungspannen unbeirrt weiter. Spätestens nach diesen Medienpannen musste jedem klar gewesen sein, dass dieser geheime Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland auch jedem feindlichen Geheimdienst bekannt sein müsste.
Das dieser Wahnwitz des kalten Krieges eine reine Geldvernichtungsmaschine war, wird jedem schnell klar werden.

Dokumentationsstätte Regierungsbunker Druckwellenbrecher

Hier ein paar Zahlen zur Dienststelle Marienthal

  • Baukosten: 3 Milliarden D-Mark (vgl: VW Käfer 3400 D-Mark)
  • 8 Tarntücher für die Eingänge zu je 100.000 D-Mark
  • 25.000 D-Mark reine Stromkosten im Ruhebetrieb
  • 6 bis 22 Millionen D-Mark Unterhaltskosten im Vollbetrieb einschl. Personal
  • 83.000 Quadratmeter Bunkerfläche
  • 25.000 Türen
  • 936 Mehrbettzimmer
  • 897 Büros
  • 112 Meter tief im Berg
  • 10.000 Kerzen im Falle eines Stromausfalles

„Wartesaal des Weltunterganges“

Der Regierungsbunker, oder die Dienststelle Marienthal wie das Bauwerk offiziell hieß, war so konzipiert und ausgestattet im Falle eines Atomaren Angriffes vier Wochen autark im Bunker zu überleben. – Einen Plan für die Zeit danach gab es nicht. Schon bei Fertigstellung des Regierungsbunkers war dieser bekannterweise rüstungstechnisch nicht mehr auf dem aktuellsten stand. Er war veraltet und hätte bei einem Angriff der zu dieser Zeit gängigen Atombomben auch keinem Einschlag stand gehalten.
Außer der Funktion des Wettrüstens war dieses Bauwerk von Beginn an also untauglich.

Dokumentationsstätte Regierungsbunker Schleuse

Mitt der Wiedervereinigung Deutschlands bröckelte auch der Eiserne Vorhang und die Zeiten des kalten Krieges waren allmählich vorbei. 1991, beschloss der Deutsche Bundestag, dass das Parlament und die Bundesregierung von Bonn nach Berlin umziehen werden. Unbeirrt dessen kaufte die Bundesregierung noch 1994 für den Regierungsbunker unter anderem zwei neue Dieselaggregate für je 1,2 Millionen D-Mark.

Im Jahr 1997 beschloss die Bundesregierung dann die Dienststelle Marienthal zu schließen. 2001 war dann endgültig Schluss in der Dienststelle Marienthal.
Die Bunkeranlage wurde zum Kauf ausgeschrieben. In der Tat gab es auch einige Interessenten mit den verschiedensten Nutzungskonzepten. Von der Championzucht über eine Technodisko bis zum Datenbunker gab es alles Mögliche. Jedoch scheiterten alle Konzepte bei der Finanzierung des Umbaus und den Instandhaltungskosten.
Als sich kein Mieter fand wollte die Bundesregierung den kompletten Bunker zurückbauen. Also den gesamten Atombunker und dessen Einrichtungen bis zu den Grundmauern der beiden ursprünglichen Tunnels wieder herausreißen. Offiziell liegt bis heute der Grund an der Gefährdung des Grundwassers durch evt. Früher verwendeten schädlichen Baustoffen. Man kann sich aber vorstellen, dass der Bundesregierung viel daran lag diesen Teil ihrer Geschichte vergessen zu machen. Dies bestätigt sich, wenn man liest dass sich die Bundesregierung vom Denkmalschutz bestätigen lies, dass der Regierungsbunker „Kein Kulturdenkmal“ sei und daher bedenkenlos rückgebaut werden könnte.

Tunnelrückbau Dokumentationsstätte Regierungsbunker

Nach vielen Protesten einigte man sich 2005 immerhin auf einen Minimal-Kompromiss. Die Bundesregierung ist bis heute der Besitzer der Anlage. Der Heimatverein Alt-Ahrweiler darf ein eigenes Museum in den ersten 203 Metern (von 19km!) der Anlage betreiben. Der Rest der Anlage wurde zwischen 2001 und 2006 rückgebaut. Nach dem 11. September 2001 wurde kurz noch einmal nachgedacht den Bunker doch weiter zu nutzen, verwarf den Gedanken jedoch recht zügig wieder und entkernte fleißig weiter. Über diese Kosten gibt es nur eine Schätzung von damals rund 60 Millionen D-Mark.

Die Eröffnung der Dokumentationsstätte Regierungsbunker fand im März 2008 statt. Hierzu kam übrigens kein Bundespolitiker. Was deren Einstellung zur Geschichte auch ein wenig zeigt.

Fazit:

Ein Besuch dieser kleinen geretteten Insel der Geschichte ist sehr beeindruckend und zeigt dem Besucher anschaulich den Wahnsinn des kalten Krieges hautnah. Es ist schon schwer bedrückend durch die dicken Schleusen in den Berg zu gehen und sich vorzustellen das man dort quasi einen Logenplätze für den Weltuntergang hatte und nicht viel mehr machen konnte als auf seinen Tod zu warten.

Auf jeden Fall vorbei schauen wenn man in der Gegend ist!

Ade

Ein herzlicher Dank für dieses Wochenende geht an die Rheinland-Pfalz-Tourismus GmbH, die mich eingeladen hat das Ahrtal für mich zu entdecken.

3 Kommentare:

  1. Hallo Andre,

    cooler Artikel !!
    Solche Sachen sind echt interessant !!
    In Berlin schauen wir uns auch gerne Relikte aus alter Zeit an !!!

    Viele Grüße
    Bibo

    • Hi Bibo!
      Ja find ich auch immer wieder spannend.
      Berlin ist da mit den Berliner Unterwelten ja bestens aufgestellt.
      Notiz an mich: muss ich auch mal wieder machen.

      Gruß aus dem sonnigen Süden
      André

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