Worms – Von Nibelungen, Juden und Martin Luther

Von einer Stadt, die schon bessere Zeiten erlebt hat und doch irgendwie interessant ist.

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Worms stand schon eine Weile auf meiner Besuchsliste. Eigentlich nur wegen dem Dom. Bei der diesjährigen Internationale Tourismus-Börse in Berlin (ITB) hat sich dann der passende Kontakt und Anlass ergeben mich diesen Sommer einmal auf den Weg nach Worms zu machen. Schon die Anfahrt nach Worms mit der Bahn ist ein Abenteuer. Von Stuttgart gehts flott mit dem ICE bis nach Mannheim. Dort heißt es umsteigen in einen Regional Express. Express ist gut. Das Ding hielt quasi an jeder Milchkanne. Ich war wirklich froh irgendwann dann in Worms anzukommen.

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Schon bei der Ankunft ist schnell klar das man hier mit der Nibelungen-Sage zu tun hat. Überall am Bahnhofsgebäude stößt man darauf. Der Weg zu Fuß zum nicht weit entfernten Parkhotel Prinz Carl war dann eher schnell ernüchternd. Straßenzüge mitten im Zentrum, die durch ihren Bauzustand einen ersten Eindruck über Worms nicht sonderlich positiv ausfallen lässt. Tatsächlich präsentiert sich die Kernstadt etwas heruntergewirtschaftet. Dieses Bild bestätigte sich über das gesamte Wochenende. In Gesprächen mit Einheimischen hat sich mein Bild dann auch bestätigt.Die Stadt tue zwar schon einiges, aber alles in allem sind in Worms die guten Zeiten schon länger her.

dsc03130 ABER trotz dem Gesamtstadtbild hat Worms einiges zu bieten.

Schönes Worms

Worms war früher eine wichtige Handelsstadt und auch kirchlich ein wichtiger Machtfaktor zu jener Zeit. So kann die Stadt Worms auf eine lange Jüdische Stadtgeschichte zurückblicken. Worms kann auf über 10 Jahrhunderte Jüdische Geschichte blicken. „Warmaisa“, wie Worms auf hebräisch heißt, war aber auch als „klein Jerusalem“ bekannt.
Einen Besuch ist auf alle Fälle der alte Jüdische Friedhof „Heiliger Sand“wert. Hier wurde rund 900 Jahre lang beerdigt. Insgesamt findet man hier etwa 2000 Gräber und nicht mehr ganz so viele Grabsteine. Es werden auch Führungen angeboten, aber ich bin alleine über diesen Friedhof spaziert und das ist schon wirklich klasse. Viele spannende Grabsteine gibt es zu sehen. Uralte, toll verzierte, umgekippte, bemooste oder mit Sprüchen, die noch heute ihre Gültigkeit haben. Wirklich sehenswert.

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Ebenso sollte man unbedingt einen Besuch in der Synagoge (von 1034) machen. Hier finden auch heute noch ab und an Feierlichkeiten statt. Der Synagoge angeschlossen ist eine Mikwe. Diese war aber bei meinem Besuch leider wegen ausstehenden Renovierungsarbeiten nicht mehr zugänglich. Schade.

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Hier im Jüdischen Viertel ist noch etwas vom alten Charme der Stadt Worms zu erleben. Kleine Gassen, hier und da noch ein paar schöne ältere Häuser. Vom Synagogenplatz über die Judengasse kommt man zur Martinspforte. Die „Alte Stadtapotheke“ aus 1904 ist ein schönes und prächtiges Eckhaus. Früher stand hier das gleichnamige Tor zur Stadt.

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Etwas weiter hinab, zwischen alter Stadtmauer und Rhein, kommt man an der „Großen Fischweide“ vorbei. Sie ist eine kleine Gasse in der einst die Wormser Fischer wohnten. Auch hier sind noch viele ältere und kleine Häuschen zu sehen. Hier besteht bis heute die älteste Fischerzunft aus dem Jahre 1106. Jedes Jahr ende August findet auf der Festwiese am Rhein das große Backfisch-Fest statt. Ein Fest-Höhepunkt im Jahr für die Wormser. Am Abend des Backfisch-Fest-Mittwochs stellen die die Fischerwääder Tische und Bänke hinaus und laden in der historischen Gasse zur traditionsreichen »Fischerwääder Kerb« ein. Hier solls dann frischen Fisch, Wein und andere Köstlichkeiten geben.

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Nicht weit von der Großen Fischweide wurde 2009 bei Straßenarbeiten die Reste der aus dem 17. Jahrhundert stammenden „Woogbrücke“ gefunden und für Besucher freigelegt. Allerdings muß man schon genau schauen um darauf als Besucher aufmerksam zu werden, da es nun direkt an eine Hauptstraße, Fußgängerüberweg und einer Tankstelle grenzt.

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Kirchliches Worms

Das bekannteste Bauwerk in Worms dürfte der Dom St. Peter sein. Er gehört neben Mainz und Speyer zu den drei Kaiserdomen und steht auf dem höchsten Punkt der Wormser Innenstadt. Erbaut wurde er zwischen 1130 und 1181. Klar ist sein Inneres pracht- und prunkvoll verziert. Aber für mich fast interessanter war das Kaiserportal im Norden. Hier sieht man den Streit zwischen Kriemhild und Brunhild aus dem Nibelungenlied. Wer sich das Südportal des Doms etwas aufmerksamer betrachtet, der dürfte einen in Stein gehauenen Dackel entdecken. Er soll einen der Baumeister beim Bau des Domes vor einem herabstürzenden Stein gewarnt haben und zum Dank wurde er deshalb im Südportal verewigt.

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Unweit des Wormser Hafens steht mitten im Wohngebiet ein Weinanbaufläche mit einer Kirche. Hier an der Liebfrauenkirche wird der bekannte Rebensaft „Liebfrauenmilch“ angebaut. Der edle Tropfen soll ganz gut schmecken habe ich mir sagen lassen. Leider fand ich auf die schnelle keine Möglichkeit an eine der Flaschen zu kommen.

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Wer zum Stadtmuseum unterwegs ist, kommt an der kleinen Magnuskirche vorbei. Sie ist klein und eher unauffällig neben einem Winzerhof und gegenüber einem Restaurant. Trotzdem lohnt auch hier ein Besuch. Die Magnuskirche ist das vermutlich älteste Gebäude in Worms. Es stammt aus der Karolingerzeit, also dem 8. Jahrhundert. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie dann 1141. Sie gilt als älteste lutherische Kirche in Südwestdeutschland. Hier wurde schon 1520, also vor dem Wormser Reichstag von 1521, im Sinne Luthers gepredigt.

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Tja, und damit sind wir auch schon bei Martin Luther. 2021 jährt sich zum 500. Mal Luthers Auftreten vor dem Reichstag zu Worms. Der Wormser Reichstag fand im Januar 1521 statt. Dort verhängte Papst Leo X. den Kirchenbann über Luther. Der Reichstag tagte in Worms im Bischofshof am Dom. Dies war auch gleichzeitig die Herberge des Kaisers bei den Reichstagen. Leider ist nach einem Großbrand 1689 vom ehemaligen Bischofshof nichts mehr zu sehen. Heute steht dort das Museum Kunsthaus Heylshof.

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In dessen kleinen Park wurde an der Stelle, wo vermutlich die berühmte „Widerrufsverweigerung“ Luthers statt fand eine Tafel mit dem Zitat daraus: „solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen. Das Zitat Hier steh’ich, ich kann nicht anders. wurde allerdings erst später ihm dazu gedichtet. Auch in der Vergangenheit war Marketing schon wichtig.2017 hat man neben die Gedenktafel noch zwei Schuhe für genau diesen Bezug angebracht. Der alte Luther würde vermutlich grinsen wenn er das wüßte.
In Worms gibt es deshalb auch eines der größten Lutherdenkmäler (1868).

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Heutiges Worms

Worms ist ganz eng mit dem Nibelungenlied verbunden. In Liedversen wurde das Heldenepos rund um den Drachentöter Siegfried um 1200 niedergeschriebenen. Man begegnet dem Thema immer wieder in der ganzen Stadt. Sei es das Hagendenkmal, der Siegfrieds- und der Niebelungenliedsbrunnen oder die bemalten Drachen, die in der Stadt überall zu finden sind. Als ein historisch bedeutsames Werk der Literatur ist das hochmittelalterliche Nibelungenlied seit 2009 ein Teil des Unesco Weltdokumentenerbes.

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Wer mehr über die Nibelungen-Saga erfahren möchte sollte das Nibelungenmuseum in Worms aufsuchen.
Wer das Rheingold suchen möchte sollte an die Rheinpromenade spazieren. 2006 wurde die aus den 1920ern bestehende Anlage aufgefrischt. Hier findet man die „Strandbar 443“ oder auch Kobs Biergarten. Das älteste Gasthaus in Worms. Hier steht auch das bekannte Hagenstandbild von 1905. Die Bronzearbeit soll an die Versenkung des sagenumwobenen Schatzes der Nibelungen in die Fluten des Rheins erinnern. Hier legen ab und an auch Flusskreuzfahrtschiffe an und ab und an auch ein Fährgastschiff.

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Nur ein paar Meter weiter, zwischen Rheinkilometer 443 und 444 verbinden zwei Rheinbrücken die rheinland-pfälzische Stadt Worms mit den hessischen Städten Lampertheim und Bürstadt. Der 53 Meter hohe neuromanische „Nibelungenturm“ ist ein Teil der „alten“ Wormser Rheinbrücke (Nibelungenbrücke). In ihm sind 8 Etage oberhalb der Fahrbahn, die hauptsächlich von den Pfadfindern genutzt werden. Unterhalb der Fahrbahn ist auf 3 Etagen die Rheingütestation Worms beheimatet. Sie kümmert sich auf diesem Rheinabschnitt um dessen Gewässerschutz.

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Seit 2002 ist Worms aber vor allem wieder für ihre Hochkultur bekannt. Alljährlich finden dann im Sommer die Nibelungen-Festspiele statt. Schon allein die Spielstätte zwischen Heylshof und dem Dom ist beeindruckend. Die Nibelungen-Festspiele wurden 1937 im Dritten Reich gegründet und bis 1939 wurde ausschließlich Hebbels dreiteiliges Drama „Die Nibelungen“ von 1861 aufgeführt. Heute wechselt immmer wieder die Inszenierung.

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Bekannte Persönlichkeiten wie der Regiseur Dieter Wedel, Mario Adorf, Maria Schrader, Joachim Król, Jasmin Tabatabai, Ilja Richter, Meret Becker, Christoph Maria Herbst, Dirk Bach, Rufus Beck, Cosma Shiva Hagen, Erol Sander, Susanne Uhlen, Heio von Stetten, Dennenesch Zoudé oder Alexandra Kamp u.v.a. wirkten hier in der neueren Vergangenheit schon mit.
Ich hatte das Vergnügen die Neuinszenierung GLUT – Siegfried von Arabien anzusehen. Diese Inszenierung geht komplett vom klassischen Stoff weg und erzählt eine wahre Begebenheit im ersten Weltkrieg. Die Geschichte verwebt dabei geschickt den Nibelungenstoff.

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In der Pause kann man im Heylshofpark flanieren und sich an den verschiedenen Ständen verköstigen und erfrischen. Wer es ein wenig nobler möchte, der Nimmt vor der Aufführung am Festival-Dinner teil und reserviert sich ein Plätzchen in der Pause im VIP-Bereich. Als ich zur Aufführung war hatte ich mit dem Wetter absolutes Glück. Ich erwischte eines der wenigen trockenen Aufführungen in dieser Spielsaison.
Ein Besuch der Festspiele kann ich wirklich empfehlen. Es ist ein eher kleines, beschauliches Festspiel, aber mindestens mit genauso viel Herzblut wie bei den Großen.

Wer nicht zu den Festspielen möchte, dem kann ich Worms als Tagesausflug empfehlen. Zum Beispiel in Verbindung mit einem Besuch und Übernachtung in Mainz.

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Herzlichen Dank für diese Einladung an Iris Muth,
Kultur und Veranstaltungs GmbH Worms

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