Wer war Hans Baldung Grien?

Ein Spaziergang durch die große Landesaustellung „Hans Baldung Grien – heilig | unheilig“ der Kunsthalle Karlsruhe.

„Hä, der ist doch Reiseblogger? Wieso schreibt der jetzt über Kunst?“ mag sich jetzt der Ein oder Andere von euch denken. Das Reisen ist ja nur ein Teil von mir und auch sonst bin ich vielseitig interessiert. Zudem ist auf Reisen ja gerade das Spannende sich mit der jeweiligen Kultur und Geschichte auseinanderzusetzen. Mal mehr, mal weniger.
In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!
Ausstellung und Katalog heilig | unheilig

Hans Baldung, genannt Grien. 1484 (oder 1485) wurde er in der Freien Reichsstadt Schwäbisch Gmünd geboren und ist im September 1545 in Straßburg verstorben. Er war ein Maler, Zeichner und Kupferstecher, der hauptsächlich am Oberrhein wirkte und schon zu Lebzeiten sehr gefragt war.
Selbstbildnis (1502)

Hans Baldung Grien lebte in einer aufregenden Zeit. Die Themen im Mittelalter unter anderem: Hexenverfolgung, Reformation, Bildersturm und Bauernkrieg. All diese Themen beschäftigten Baldung sein Leben lang. Meine erste bewusste Begegnung mit Baldung war vor langer Zeit im Freiburger Münster mit meinen Eltern. Damals, als kleiner Junge konnte ich mit Kunst noch nicht so viel anfangen. Heute schließt sich jedoch der Kreis. Kürzlich habe ich in der Kunsthalle Karlsruhe die große Landesausstellung „Hans Baldung Grien – heilig | unheilig besucht.

Ehrlich gesagt hat mich die Ausstellung in Karlsruhe weggehauen. Baldung war mir zwar bis dato ein Begriff, aber zwei Drittel seiner Werke in einer Ausstellung zu sehen ist mehr als beeindruckend. Um all die Informationen und Eindrücke zu verarbeiten war ich zwei Tage lang in der Ausstellung unterwegs.
Die Ausstellung heilig | unheilig

Was muss das für ein Mensch gewesen sein um dieses Gesamtwerk zu vollbringen? So vielseitig und tiefsinnig. Wer seine Bilder aufmerksam betrachtet wird immer wieder kleine Details finden, die einen zum Schmunzeln bringen. Da sind die vielen kleinen Rubensengel, die gelangweilten Gesichter der im Hintergrund stehenden Personen, oder Personen, die völlig Abwesend in der Szenerie ein Buch schreiben.
lustige Details in seinen Werken

Genauso verhallt es sich mit seinem Monogramm (HB oder HBG). Während andere Künstler eher dezent ihre Werke signierten, nutzt Baldung sein Monogramm regelrecht als Visitenkarte. Es drängt sich zwar nicht in den Vordergrund eines Bildes, jedoch präsentiert er dem Betrachter regelrecht sein Monogramm indem es selbst eine kleine, eigene Szenerie dafür im Bild schafft. Da ist es ein Affe, der seine Monogrammtafel in einem Bild mit Rössern hält, oder der kleine Junge mit der Monogrammtafel, der zwischen den Erwachsenen natürlich auffällt. Er nimmt sogar sich selbst mit seinem Monogramm-Marketing auf die Schippe, indem ein Hase seine Monogrammtafel hält, während ein anderer Hase sich die Pfoten vors Gesicht hält, da er die Werberei scheinbar nicht mehr sehen kann.
Dieser hintergründige, teils verschmitzte, Humor ist in vielen seiner Werke anzutreffen. Man muss nur etwas genauer hinschauen und sich das Werk in Gänze betrachten.
Monogramme Hans Baldung Grien

„Ich hätte Hans Baldung gern einmal getroffen.“

André Dietenberger, Reiseblogger

Immer wieder wird Baldung in Schriften als Schüler von Albrecht Dürer genannt. In der Tat ging Baldung als 18-Jähriger ein paar Jahre nach Nürnberg zu Dürer in die Meisterwerkstatt. Jedoch sicherlich nicht um dort erst zum Meister zu werden.Betrachtet mann seine Werke und Vielseitigkeit vor seiner Zeit in Nürnberg bei Albrecht Dürer, wird einem schnell klar, dass Baldung schon sehr viel Früher ein wahrer Meister gewesen sein muss. Baldung ging vielmehr zu Dürer um seinen Horizont zu erweitern, um sich fortzubilden. So nimmt Baldung in dieser Zeit immer wieder Themen von Dürer auf und interpretiert diese auf seine, ganz eigene Art. Immer ein wenig unerwartet und immer mit einem leichten Augenzwinkern. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass Dürer und Baldung Best Buddies waren. Sie arbeiteten auf Augenhöhe miteinander.

„Dürer in sexy“

WELT

Eine Locke von Dürer wurde Baldung angeblich vermacht. Sie soll nach dem Ableben Dürers abgeschnitten worden und eben Baldung vermacht worden sein. Wahrscheinlich ist aber auch diese Locke (auch wenn es sie tatsächlich gibt und ausgestellt wird), mit einem Augenzwinkern zu sehen. Eben typisch Baldung.

Baldung war aber nicht nur humorvoll, sondern war ein Tausendsassa und experimentierfreudig. Er konnte nicht nur Malen, er konnte auch Zeichnen, Kupferstechen und entwarf imposante Glasmalereien.
Ausstellung in der Kunsthalle Karlsruhe

Zwar ist sich die Fachwelt nicht ganz sicher, ob er die Glasmalerei nur entwarf und dann Malen lies, man kann aber fast davon ausgehen, dass Baldung die Glasmalerei beherrschte und hier und da auch selbst Hand anlegte. Seine Bilder und die Glasmalereien haben teilweise eine ganz besondere strahlende Farblichkeit. Baldung verstand es Stimmungen in Bildern mit intensiven Farben zu inszenieren. Das Grün seine Lieblingsfarbe gewesen sei und daher auch sein Beinamen Grien stammt, mag sein wenn auch etwas weit hergeholt. Er nutzte jedenfalls Farben wie kein Anderer zu seiner Zeit und schuf so einmalige Stimmungen. In seinen Werken spielt Baldung immer wieder mit dem Betrachter. Einmal lässt er den Betrachter einfach nur an einer Szenerie teilhaben, ein ander Mal ertappt er förmlich den Betrachter des Bildes indem eine Person oder ein Tier aus der Szenerie direkt in die Augen des Betrachters schauen lässt.
Bildnis eines 29-jährigen Mannes 1526)

Manchmal vorwurfsvoll, manchmal eher so „ätsch, ich darf, Du nicht!“. Baldung hatte einfach Spaß indem was er tat. Vor allem nahm er nicht alles Todernst. Apropos Tod. Der Tod war ein Hauptthema in seinem Leben. Immer wieder beschäftigt er sich mit dem Tod. Da ist es im Bauernkrieg der „Landsknecht und Tod“ (1503) die zusammen stehen und beide Lachen.
Landsknecht und Tod (1503)

Dann zeigt er uns eindrücklich mit seinem Werk „Die Lebensalter des Mannes“ (1540) auf, wie vergänglich der Mann ist.
Die Lebensalter des Mannes (1540)

Mit seinem vermutlichen letzten Holzschnitt, „Der behexte Stallknecht“ (1544), gibt er uns noch ein bis heute ungelöstes Rätsel auf.  Was genau will Baldung uns damit sagen? Die Szenerie könnte eine uralte Sage um den Junker Rechenberg wiederspiegeln, die 1815 der Dichter Ludwig Uhland niedergeschrieben hat. Das der Stallknecht Baldung selbst ist wird angenommen, da zum Beispiel das Familienwappen Baldungs an der Wand hängt. Der Stall und vor allem der Stallknecht wird gestalterisch hervorgehoben indem Baldung am unteren Bildrand eine Stufe malte. Diese dürfte es in der Realität nicht gegeben haben. Welcher Stall ist schon über eine Treppe zu erreichen? So wird aber auch hier wieder seine Monogrammtafel besonders hervorgehoben. In diesem Bild sind so viele malerische Kniffe angewendet worden, als ob er es noch einmal allen zeigen wollte. Schaut man sich das Bild länger an, wird der Blick vermutlich auf sein Gemächt fallen. Auch dies dürfte nicht ganz zufällig geschehen sein, denn es befindet sich an ziemlich zentraler Bildposition. Tja und dass am Fenster eine Hexe böse wettert… tja, Hexen hatten es ihm immer wieder angetan. Hexen und die Lust. Auch in diesem Bild sind die Brüste der Hexe unbedeckt.
Der behexte Stallknecht (1544) | Quelle Wikipedia

Brüste und Baldung sind fast ein eigenes Kapitel. Wenn man so durch sein Werk streift sieht man immer wieder Brüste. „Das ungleiche Paar“ (1507) zeigt zum Beispiel eine junge Frau mit einem alten, bärtigen Mann, der eine Brust der Frau stolz dem Betrachter präsentiert. Auch dies wieder ein prima Beispiel wie Baldung den Betrachter mitten ins Geschehen zieht. Die junge Frau und der alte Mann schauen dem Betrachter dabei direkt in die Augen als ob er damit sagen wollte: „schau, ist das nicht eine schöne Brust?“.  
Das ungleiche Paar (1507)

Im „Neujahrsgruß mit drei Hexen“ (1514) zeigt er drei Frauen, die ineinander verschlungen sind und zeigt dem Betrachter viel, aber vor allem regt er die Fantasie des Betrachters an was die drei denn da wohl so machen. Und auch hier schaut die untere Hexe zwischen ihrem aufgestellten Bein direkt in die Augen des Betrachters und signalisiert „ich hab Dich sehr wohl gesehen.“ Rein zufällig liegt auch genau in dieser Blickachse die Monogrammtafel Baldungs. Genial.
Neujahrsgruß mit drei Hexen (1514)

Baldung beschäftigte sich mit den Menschen. So schafft er es sehr realistische Portraits zu zeichnen. Der „Saturn“ von 1516 zeigt einen älteren Saturn mit wuseligem Haar. Sowohl seine Falten, als auch die Zwirbel in seiner Haarbracht sind dabei so realistisch wiedergegeben.
Saturn (1516)

Auch in seiner Schmerzstudie „Zurückgeneigter, schmerzverzerrter Männerkopf“ (um 1516) zeigt Baldung, dass er nicht nur zeichnen konnte, sondern vor allem ganz genau beobachten konnte. Im lag sehr an Details und Genauigkeit. Irgendwie erinnert mich dieses Porträt stark an Klaus Kinski, oder?
Zurückgeneigter, schmerzverzerrter Männerkopf (um 1516)

Trotz aller künstlerischen Schaffens wollte er doch immer in seinen Werken das wahre, tatsächliche Leben wiederspiegeln und eben nicht nur die geschönten Porträts malen wie andere Künstler gar zu oft. Heute würde man sagen, er hat nicht viel von Photoshop und co gehalten.

In seiner Freiburger Zeit entstanden viele ziemlich tolle Werke. So auch „Die Sintflut“ (1516). Hier malte er die Biblische Szene aus dem Neuen Testament auf eine sehr dramatische und realistische Art und Weise. In den Fluten sieht man Tiere, Menschen und seine typischen Baby-Engelchen, die alle mitten im Überlebenskampf festgehalten wurden. Im unteren Bereich sieht man eine Mutter mit ihrem Baby im Arm, etwas weiter in der Mitte unten ein Baby im Bett. Auch in dieser Szenerie sind Baldungs Frauen unverhüllt und geben den Blick auf die Brüste frei. Baldung macht hier auch klar, dass alle, egal ob Arm oder Reich, ob Bauer oder Geistlicher, ob Mann oder Frau, vor dem Ende, dem Tod, gleich sind. Man sieht die Unterschiede an den Kopfbedeckungen oder Frisuren. Zudem sieht man in der Szenerie wie wohl ein Bauer versucht seine Kuh zu retten oder jemand fast untergeht, aber immer noch einen Geldsack über Wasser hält. Interessant ist auch im rechten hinteren Bereich die in der Sintflut untergegangene Stadt. Sind das da am Horizont Wolkenkratzer? Trotz aller Tragödie gibt uns Baldung aber auch hier wieder Hoffnung, indem er über den Schwarzen dunklen Wolken die Sonne wieder herausscheinen lässt. Wie es ausging? Wir wissen es nicht.
Die Sintflut (1516)

Ganz bekannt ist auch eine Auftragsarbeit des Markgraf Christoph I. von Baden. Sie ist als „Markgrafentafel“ bekannt geworden. Er lies sich mit seiner Familie bei der in Anbetung vor der Heiligen Anna Selbdritt porträtieren. Der Markgraf kniet direkt links von der Bildmitte und trägt den Orden vom Goldenen Vlies, einer der höchsten Auszeichnungen der Habsburger. Er und seine Frau werden durch die beiden Wappen in Szene gesetzt. Die 17-Köpfige Familie ist natürlich nach Männlein und Weiblein getrennt. Interessant ist noch zu erwähnen, dass zum Zeitpunkt der Entstehung des Bildes gar nicht mehr alle abgebildeten Familienmitglieder lebten.
Markgraf Christoph I. von Baden mit seiner Familie in Verehrung der heiligen Anna Selbdritt (um1510)

Eines der für mich beeindruckendsten Werke ist aber ganz klar der Hochaltar des Freiburger Münster.
Dieses imposante Werk war quasi mein Erstkontakt mit Hans Baldung Grien in meinen jüngsten Jahren. Der Hochaltar wurde als Wandelaltar aufgebaut und zwischen 1512 und 1516 von Baldung und seinen Mitarbeitern bemalt.
Freiburger Hochaltar, Innenansicht, Marienkrönung ((1516)
Die Ausführung als Wandelaltar war lange Zeit üblich um, dem Kirchenjahr entsprechend, andere Christliche Episoden zeigen zu können. So ist der Freiburger Hochaltar die meiste Zeit im Jahr geöffnet zu sehen.
Nur in der Weihnachtszeit, vom 1. Adventssonntag bis zum 2. Februar, werden die Flügel des Hochaltares zugeklappt. Dann sind die „Weihnachtstafeln“ zu sehen.
Freiburger Hochaltar, Außenansicht, Weihnachtstafeln, Vier Szenen aus dem Leben der Maria (1516)
Es lohnt sich den Hochaltar ganz zu umrunden. Denn auch auf der Rückseite ist er bemalt worden. Es wird die Kreuzigung Christis gezeigt. Tja und hier hat sich Baldung wieder einmal ausführlich verewigt. Er selbst schaut direkt den Betrachter an. Er steht hinter dem auffällig in Grün gekleidetem Hellebarden-Träger mit einem roten Barett. Seitlich vor diesem schaut ein Kind hervor (sein Sohn?) und trägt die Monogrammtafel Baldungs. Zuletzt steht auf dem linken Zwickel (Altar Sockel) in lateinischer Sprache: ‚Hans Baldung mit Beinamen Grien aus Gmünd schuf es mit Hilfe Gottes und eigener Kraft‘.
Freiburger Hochaltar, Rückseite, Kreuzgang Christi (1516)
Für die Große Landesausstellung „Hans Baldung Grien – heilig | unheilig“ konnte der Freiburger Hochaltar natürlich nicht nach Karlsruhe gebracht werden. Dafür steht er dem Besucher in einer digitalen Version zur Verfügung und man kann anders als am Original hochauflösend in die Bilder zoomen und sich die Details anschauen ohne eine steifen Nacken zu bekommen.
Multimediawand Freiburger Hochaltar (1516)

Achtung! Wer den Hochaltar in voller Pracht im Freiburger Münster sehen möchte, sollte das Münster nicht In der Fastenzeit, vom Aschermittwoch bis zum Gründonnerstag, besuchen. Dann wird nämlich die Hauptansicht des Hochaltars mit einem 12,5m x 10m großen Fastentuch aus dem Jahr 1612 verhängt.

Zu guter Letzt möchte ich noch auf einen wahren Schatz hinweisen, den die Karlsruher ihr Eigen nennen dürfen und in der Ausstellung zu sehen ist. Es ist auf den ersten Blick eher unscheinbar. Ein altes Buch eben, wie viele. Jedoch ist es DAS Karlsruher „Skizzenbuch“.
Karlsruher Skizzenbuch (1511/1545)
Hier hat Baldung seine Skizzen für seine Werke mit dem Stift festgehalten. Hier sind Vorstudien zu Gesichtszügen, zu Blicken, Tiere, Anatomie und co zu finden. Hier ist man Hans Baldung so nah wie nie. Man kann ihm quasi über die Schulter schauen und ihn bei seinen Vorarbeiten für eines seiner Werke beobachten. Da man in solch einem Schatz natürlich nicht wild herumblättern kann, wurde das Buch digitalisiert. Nun kann man sich gemütlich durch seine Skizzen blättern.
Karlsruher Skizzenbuch - digitales Skizzenbuch

Meine Blogger-Kollegin „Kulturtussi“ hat zur Ausstellung ebenfalls einen tollen Artikel geschrieben, den ich euch nicht vorenthalten möchte: Große Schaulust: Hans Baldung Grien in der Kunsthalle Karlsruhe.

Hans Baldung Grien – heilig | unheilig

Die große Landesausstellung „Hans Baldung Grien – heilig | unheilig“ in der staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ist noch bis zum 8. März 2020 zu sehen. Hier gibt es weiterführende Infos zur Ausstellung.

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